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Warum brauchen wir den Psychologischen Club?

VOM «GENIUS LOCI» 

Dr. Andreas Schweizer, Zollikon

Es war ein besonderer Anlass. Immer mehr Menschen strömten in den Vortragsraum, und wir wussten kaum mehr, wo wir noch einen Stuhl hinstellen konnten. Menschen aus der Schweiz, aus Deutschland, Amerika, Kanada, China, Japan. Sie alle haben sich hier zusammen gefunden zu Ehren der Freundschaft zweier überragender Männer, der Freundschaft von C.G. Jung und Richard Wilhelm. So begann der Clubabend, an welchem Bettina Wilhelm den Film zeigte, den sie über ihren Grossvater gedreht hat. Neunzig Minuten später war es ganz still im Saal. Der Film, vorgeführt an dem Ort, wo C.G. Jung während Jahrzehnten gewirkt hatte und wo er, wie Marie-Louise von Franz in ihren Erinnerungen an den Psychologischen Club erzählte, jeden Vortrag besucht hat, es sei denn, dass er krank war oder auf einer Reise. Jung tat das, so Marie-Louise wörtlich, „obwohl er so überlastet war und manchmal meineidig fluchte, dass er noch in den Club gehen musste.“

Einige Wochen später. Wieder ein Film, und wieder berichtet einer von seinem Grossvater. Dieses Mal war es Dieter Baumann, der anlässlich des Films Face to Face with C.G. Jung in eindrücklicher Weise von einigen Erlebnissen mit seinem Grossvater C.G. Jung erzählte. Geplant war, dass er den Film gelegentlich unterbricht, um da oder dort spontan dazu Stellung zu nehmen. Doch nichts dergleichen geschah. Wie er auch nach gut zwanzig Minuten den Film immer noch nicht unterbrochen hatte, ging ich zu ihm, um ihn zu fragen, ob er nicht etwas dazu sagen wolle. Nein, meinte er, der Film sagt ja alles! Er war so berührt von diesem Film, den er sicher schon unzählige Male gesehen hatte, dass er zunächst gar nichts dazu sagen wollte. Dann aber begann er zu erzählen und er tat das in so lebendiger Weise, dass man fast meinen könnte, Jung hätte noch einmal den von ihm gegründeten Club besucht.

Beide Anlässe machten die Faszination deutlich, welche die Räume des Psychologischen Clubs auch heute noch ausstrahlen. Dass wir unsere Anlässe im neu renovierten Clubhaus durchführen dürfen, ist ein seltenes und kostbares Privileg. Es ist der Ort, an dem Richard Wilhelm zum ersten Mal im Westen über die tiefe Weisheit des Ostens gesprochen hat; der Ort auch, an dem C.G. Jung seine neuen Arbeiten den Clubmitgliedern vorgetragen hat, weil er sehen wollte, ob seine Gedankengänge verstanden werden. Oft scheint es mir, dass Menschen aus dem Ausland den genius loci des Clubhauses besser spüren als die Clubmitglieder, die an allen Anlässen im Club teilnehmen können.

Manchmal ist zu hören, dass die Clubmitglieder eben „klassische Jungianer“ seien, was nicht etwa als Kompliment gemeint ist, vielmehr schwingt darin der leise Vorwurf mit, dass sie sich der Erneuerung und Zukunft der Jungschen Psychologie verschliessen würden. Dabei wird allerdings vergessen, dass allein die ernsthafte Besinnung auf die objektive Psyche jenen Geist hervor zu bringen vermag, der Zukunft schafft. Mir persönlich wird das Bild vom Rhizom, das C.G. Jung am Anfang seiner Erinnerungen erwähnt, immer wichtiger. Es ist das Bild vom unterirdischen Wurzelgeflecht, aus dem die Pflanzen hervorkommen. Das, was über dem Boden sichtbar wird, hält nur einen Sommer. Dann verwelkt es – eine ephemere Erscheinung. Das eigentliche Leben steckt im Rhizom. Unser Leben ist kurz, siebzig, achtzig, vielleicht gar neunzig Jahre. Aber dann kehrt es notwendig zurück in den ewigen Strom von Werden und Vergehen. Glücklich, wer wie C.G. Jung sagen kann, „Ich habe nie das Gefühl verloren für etwas, das unter dem ewigen Wechsel lebt und dauert. Was man sieht, ist die Blüte, und die vergeht. Das Rhizom dauert.“1 Mit den Anlässen im Club möchten wir diesem unterirdischen Strom des Geschehens Beachtung schenken, um in dieser Weise dem schöpferischen Geist des Unbewussten zu dienen.

1 Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G. Jung, Hrsg. Aniela Jaffé, Olten 1988, S. 11

«Face to Face»

BBC-Interview von John Freeman mit C.G. Jung, Produzent: Hugh Burnett UK 1959 (40 min.)

 

 

Sinnvolle „Zufälle“ in der Clubgeschichte –
Erinnerungen an Marie-Louise von Franz

Dr. Andreas Schweizer, Zollikon

Im Jahre 2015 waren die Vorlesungen und Seminare im Psychologischen Club Marie-Louise von Franz gewidmet, die in diesem Jahre ihren hundertsten Geburtstag gefeiert hätte. Wie sie C.G. Jung kennenlernte ist eine Geschichte für sich, die wir hier wiedergeben möchten. 

Marie-Louise von Franz

 Es war im Jahre 1933. Der Schicksalsträger war ein Neffe von Toni Wolff, der damaligen Präsidentin des Psychologischen Clubs. Dieser Neffe war ein Klassenkamerad von Marie-Louise von Franz. C.G. Jung wollte damals wissen, wie die junge Generation denkt. Also hat er Toni Wolff darum gebeten, einige junge Leute zu sich nach Bollingen in den Turm eingeladen. Unter diesen war als einziges Mädchen Marie-Louise von Franz. Begleitet von sieben Kameraden aus ihrer Klasse fuhr sie also nach Bollingen hinaus. Jung war damals 58 und kam dem jungen Mädchen wie ein Methusalem vor, wie jener biblische Urvater, der vor der Sintflut gelebt haben soll. Dieser soll übrigens 969 Jahre alt geworden sein; demnach wäre er der älteste in der Hebräischen Bibel erwähnte Mensch. Offenbar haben die jungen Gymnasiasten den ganzen Tag bis spät in den Abend hinein mit Jung verbracht. Ich frage mich ja schon, wie es Jung neben allen andern Aufgaben möglich war, sich immer wieder so viel Zeit für die verschiedensten Menschen zu nehmen.

Diese erste Begegnung zwischen Carl Gustav Jung und Marie-Louise von Franz war für Marie-Louise schicksalshaft und hat in ihr eine tiefe, lebenslange Liebe für Jung und seine Psychologie geweckt. Im Film mit Françoise Selhofer erzählt sie, Jung habe an jenem Tag in Bollingen so eindrücklich von der Wirklichkeit der Seele gesprochen, dass sie, die damals doch recht rationalistisch eingestellt war, bald nicht mehr wusste, wo ihr der Kopf steht. Im Gespräch während des Mittagessens erwähnte Jung unter anderem eine Patientin, die behauptete, auf dem Mond gewesen zu sein, wo sie einen Dämon bekämpfen musste. Jung habe so lebhaft von ihr erzählt, als wäre sie tatsächlich auf dem Mond gewesen. Da erwiderte Marie-Louise etwas ungehalten, dass diese junge Frau das wohl geträumt oder fantasiert habe. Daraufhin habe sie Jung sehr ernst angeschaut und geantwortet: „Doch, sie war auf dem Mond!“ Marie-Louise war verwirrt und sagte sich: „Entweder ist dieser Mann verrückt, oder ich bin zu dumm, um zu verstehen, was er meint.“ Und plötzlich realisierte sie, dass das, was sich psychisch ereignet, die wahre Realität ist.“1 Als sie spät abends etwas beschwipst ins Bett ging – Jung hatte den jugendlichen Gästen an diesem Abend nämlich eine Menge Burgunder kredenzt –, dachte sie, sie werde wohl zehn Jahre brauchen, um das zu verstehen, was dieser Mann heute gesagt hatte.

Noch im selben Jahr besuchte sie erstmals die ETH-Vorlesungen von Jung und begann nicht viel später ihre Analyse bei ihm. Jung hatte offenbar sogleich gespürt, dass diese junge Frau etwas mit der Alchemie zu tun hat. Und so kam es, dass Marie-Louise von Franz für ihren Analytiker alchemistische Texte aus dem Lateinischen und später auch aus dem Griechischen zu übersetzen begann. Da sie kein Geld hatte, hat sie sich so das Honorar für ihre Analyse bei Jung (das waren damals 10 Franken!) verdient.

1941 wurde Marie-Louise von Franz als statutarischer Gast und drei Jahre später als Mitglied in den Club aufgenommen.2 Hier hat sie während vielen Jahren und mit grossem Eifer die Bibliothek betreut. Da sie sich Bücher nicht leisten konnte, war sie glücklich, die entsprechende Fachliteratur im Club lesen zu können. Manchmal würde ich mir ja schon wünschen, dass die heutigen Clubmitglieder einen ähnlichen Eifer aufbringen würden, diese Werke zu lesen.
 

Ursa movet molem

Mehr als acht Jahrzehnte später, im Oktober 2015, besuchten einige Mitglieder vom Psychologischen Club den Turm von Carl Gustav Jung unten in Bollingen am See und oben auf dem Berg denjenigen von Marie-Louise von Franz. Im kleinen Garten am See versammelt, lauschten sie den Erzählungen von Jost Hoerni über seinen Grossvater und über die Anfänge am Obersee. Jahre bevor Jung den ersten Turm baute, das war 1923, hat er für 20 Franken im Jahr eine Insel im Obersee gemietet und dort zusammen mit seinen Kindern und einigen ETH Studenten ein recht wildes, jedenfalls aber sehr primitives „Indianerleben“ unter einfachsten Bedingungen geführt. 1921 trafen sich 16 Clubmitglieder auf der Insel. Das war, wie ein Bericht dieses Ausflugs dokumentiert, das „goldene Zeitalter“, womit wohl nicht so sehr der Psychologische Club gemeint war, als vielmehr Jungs überbordende und ansteckende Lebensfreude inmitten der wilden Natur. 

 „Ursa movet molem“ lesen wir auf einer in die Aussenwand des Turmes gemeisselten Inschrift: „Die Bärin beziehungsweise das Sternbild des Grossen Bären bewegt die Masse“. Moles bedeutet Masse, Kraft, auch Menschenmasse, und meint hier wohl die Menschheit insgesamt, wenn nicht gar den ganzen Kosmos. Denn mit dem Grossen Bären ist der Grosse Wagen gemeint, der zur Gruppe der Zirkumpolarsterne gehört, die von der Erde aus betrachtet um den Polarstern kreisen; um jenen Stern also, nach welchem sich schon die Pyramiden der Alten Ägypter ausgerichtet haben. Denn zum Nordstern wird die Seele des Pharao aufsteigen, sagen die Pyramidentexte, dorthin, wo die Götter wohnen, um einer der ihren zu werden. Damit drückt diese Inschrift am Turm, wie ich sie verstehe, etwas von der Schicksalsverbundenheit des Menschen mit dem Ewigen aus, von jenen schicksalshaften, scheinbar zufälligen Ereignissen etwa, die Jung später als Synchronizität bezeichnet hat und die Marie-Louise von Franz in ihrer ersten Begegnung mit Jung schon als 18 jährige erfahren hat.

 

Auch der Besuch im Turm von Marie-Louise von Franz hat uns dieses „ursa movet molem“ in eindrücklicher Weise bestätigt. Da sassen wir, das heisst die zwanzig Teilnehmer des Club Ausfluges, bei zunehmender Dämmerung im Kreise und lauschten den authentischen Erzählungen von Godi Isler über seinen Weg mit Marie-Louise von Franz. Es war ein echtes Zeugnis von jenem lebendigen Geist, der damals im Jahre 1933 in Marie-Louise von Franz erwacht war, und den sie mit grosser Meisterschaft und Kunst und mit dem Einsatz ihres ganzen Lebens an uns weitergegeben hat.

Diesen lebendigen Geist der Analytischen Psychologie auch in unserer Zeit zu erhalten und an zukünftige Generationen weiterzugeben, ist das grösste Anliegen des Psychologischen Clubs. Nicht der Vorstand allein oder die jeweiligen Referenten prägen diesen Geist. Es sind vielmehr alle Mitglieder und Besucher des Clubs, die dazu beitragen, dass das Clubhaus an der Gemeindestrasse 27 einen lebendigen Geist ausstrahlt. Ich sage das durchaus aus eigener Erfahrung: Einen belebenden Vortrag zu halten ist eine Sache, doch das kann nur gelingen, wenn Menschen da sind, die ein waches Ohr und ein offenes Herz haben; Menschen eben, die, jeder für sich, um den eigenen inneren Weg ringen, oder um es in einem Bild zu sagen, die nicht aufhören, sich nach jenem Stern am nächtlichen Himmel zu sehnen, der ihr eigenes Schicksal bestimmt. Neben allem Schönen und allem Schmerz kann uns das ja auch einige Unannehmlichkeiten ersparen. Denn wer den eigenen Weg geht, hat genug mit sich selbst zu schaffen. Er kann sich nicht auch noch um den Schatten des andern kümmern; ein Anliegen, das schon Jung zutiefst am Herzen lag und dessentwegen er im Jahre 1916 den Club gegründet hat.

Dr. Andreas Schweizer, Zollikon 
Im Februar 2017

1 Suzanne Wagner, Ein Gespräch mit Marie-Louise von Franz, in: Jungiana, Küsnacht: Verlag Stiftung für Jung’sche Psychologie, 2002, Reihe A, Bd. 11, S. 11 f. sowie Marie-Louise von Franz im Film von Françoise Selhofer, in: Jungiana, 1989, Reihe A, Bd. 2, S. 15-46. Siehe auch: Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G. Jung, Zürich: Rascher Verlag 1962, S. 134-136.

2 Wie es dazu kam, erzählt Marie-Louise von Franz in einem „Gespräch über den Psychologischen Club Zürich“, das im Jubiläumsband des Clubs erstmals abgedruckt ist: Andreas Schweizer & Regine Schweizer-Vüllers (Hg.), Bausteine. Reflexionen zur Psychologie von C.G. Jung, S. 52-62.

 
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